Popstars 2012 – Diesmal leiden nur die Zuschauer.

Ein bisschen war Hoffen erlaubt. Doch wirklich. Darauf, dass eine TV-Saison ohne abgelegte Chartstars auskommen würde, die hinter einem Pult mit knittriger Miene junge Menschen beurteilen, für die das Leben als War-mal-was immer noch gut genug erscheint, um vorher die Strapazen des Wird-wohl-nix über sich ergehen zu lassen.

Kein Dieter, keine Sarah Connor, keine zermürbenden Verkündungsrituale, nach denen sich verbissen dreinblickende Schminkexperimente heulend in den Armen liegen. Keine Recalls, keine Workshops, keine „ungeschickte Songauswahl“ und keine Mottoshows, in denen dann doch jede Woche die immergleichen größten Hits der 70er, 80er, 90er und das Beste von heute laufen.

Keine Endziffern, keine in die Kamera geworfenen Kusshände, keine wässrigen Augen, keine mit Daumen und kleinem Finger angedeuteten Anrufbetteleien, keine durch plumpe Soundeffekte verfremdeten Auftritte wissentlich vorgeführter Naivlinge. Keine Beteuerungen, dass das Plattengeschäft das härteste ist. Keine gespielte Ablehnung, um den Spannungsgrad künstlich zu erhöhen. Kein Menderez, kein Jochen Schropp, kein … na, wie hieß der noch, der „The Voice“ … ach, egal!

Das Schlachtschiff kentert mit Negativrekorden

So gehäuft, wie sie hier runtergerattert wurden, die Typologien einer Castingshow, wird klar, dass ihre Abwesenheit, wenn auch nur für ein Jahr zur Probe, eine Utopie ist. Zu verzweifelt wären die Privaten, wenn sie plötzlich mehrere hundert Stunden Sendezeit im Programmplan ersetzen müssten. Mit was denn? Mit Rankingshows? Die längsten Kunstpausen von Marco Schreyl?

Dabei standen die Chancen, dass es wenigstens mit dem ein oder anderen Format endlich ein Ende finden würde, so gut wie nie: Die „Popstars“ warennach einer eher unbeachteten neunten Staffel im Jahr 2010 aus dem deutschen Fernsehen verschwunden. Der zweite „X Factor“-Durchgang entwickelte sich zum anhaltenden Quoten-Tal.

Und „DSDS“, das Schlachtschiff, kenterte mit Negativrekorden in Sachen Zuschauerresonanz. Mit dem Finale im April, gesehen von lediglich 4,7 Millionen Menschen, schien der Exitus des Castinggenres diagnostiziert – trotz des Hypes um das angeblich so andere „The Voice of Germany“. Dessen kurzfristiger Erfolg in der Anfangsphase mit den „Blind Auditions“ war eher ein letztes Aufbäumen eines Totgesagten als die geglückte Reanimation.

Freudloser Reigen der Talentsuchen

Aber allen klaren Anzeichen einer Castingmüdigkeit zum Trotz: Für die Fernsehsaison 2012/2013 setzen die Sender nicht etwa weniger auf Sangeskonkurrenzen, sondern, das ist kein Witz: noch mehr! „The Voice of Germany“ erhält eine zweite Staffel, „DSDS“ wird genauso fortgesetzt wie „X Factor“, „Das Supertalent“ holt sich Gottschalk in die Jury. Und das Format, das im vergangenen Jahr pausieren musste, weil man bei ProSieben/Sat.1 „The Voice“ überschneidungsfrei etablieren wollte, kehrt auch zurück und macht sogar den Anfang im freudlosen Reigen der deckungsgleichen Talentsuchen.

Immerhin: „Popstars“ ist, anders als von RTL immer behauptet, die wahre Mutter aller Castingformate. Hier entstanden im Jahr 2000 die „No Angels“, und auch deren Nachfolger „Bro’Sis“ hatten ihren (höchst erfolgreichen) Eintagsfliegenflug bereits hinter sich, als „DSDS“ Ende 2002 zum ersten Mal lief.

Nun steht ein Jubiläum ins Haus. Zum zehnten Mal wird nach einer Band gesucht. Wer so verdient ist, darf ruhig mal nostalgisch werden. Zu Dauer-Juror DetlefD!Soost gesellen sich diesmal drei Musiker, deren Karrieren mit „Popstars“ in die Gänge kamen: Lucy Diakovska (No Angels), Ross Antony (Bro’Sis) und Senna Guemmour (Monrose).

„Nicht die Leute fertigmachen“

 Änderungen gibt es auch, allerdings in homöopathischen Dosen: Die Juroren haben jeweils bis zu drei Punkte, die sie einem Kandidaten geben können. Erreicht er acht von zwölf möglichen, ist er eine Runde weiter. Und sonst? Ach ja. Die Sache mit dem Nettsein. Seit den himmelhochjauchzenden Lobpreisungen, die die Jury bei „The Voice of Germany“ selbst bei durchwachsenen Leistungen durchs Studio säuselte, sind Samthandschuhe die neue Kandare. „‚Popstars‘ ist nicht dazu da, um die Leute fertig zu machen“, stellt Senna gleich zu Beginn klar.

Als Zuschauer weiß man mittlerweile gar nicht mehr, was eigentlich schlimmer ist: die sterbenslangweilige Huldigung am Thema vorbei. Oder die verkrampft originellen Schmähungen bei offensichtlichem Versagen. „Popstars“ hat darauf eine Antwort: das Schmähen am Thema vorbei.

Das ist nicht nur sterbenslangweilig, sondern auch noch ziemlich verlogen. Freundlichkeit als Obersatz verpufft ganz schnell, wenn man sich schäbige Hintertürchen sucht. „Nur die besten erhalten die Chance vor der Jury zu singen“, versichert die Offstimme scheinheilig.

Schauwert geht dabei nicht verloren. Denn natürlich werden sie trotzdem gezeigt, die Ungelenken, die Trendignoranten, die Talentfreien, die mit Heimorgelbegleitung Arien schief schmettern oder sich am englischen TH abmühen. Bis vor die Jury schaffen sie’s nicht, das stimmt. Aber die Kamera hat beim ersten (und einzigen) Vorsingen trotzdem gnadenlos draufgehalten.

Arne platzt der Kragen

 Besonders bizarr wird das Ganze, wenn dann doch jemand vor die Scharfrichtergelassen wird, der sich bei Bohlen schon mal den Klagevordruck für Beleidigungen zurechtlegen dürfte. Die Sangeskünste des selbsternannten Entertainers Arne aus Berlin sind, nun ja, eingeschränkt, um es zurückhaltend zu formulieren.

Als er dafür hämisches Gelächter erntet und von allen vier Juroren jeweils eine nachvollziehbare Null erhält, platzt ihm, nicht minder nachvollziehbar, der Kragen: Wie es denn sein könne, dass er überhaupt hier stehen würde, wenn nur die Besten vorgelassen würden, legt er die Heuchelei offen.

Dafür ist allerdings keine Zeit. D! brüllt ihn mit einer seiner „Nur die Harten kommen in den Garten“-Predigten nieder. Wenn Anmaßung auf Anmaßung trifft, ergibt Minus und Minus dummerweise kein Plus, sondern potenziert nur die Widerlichkeit.

Wenigstens bleibt Arne im Staffelauftakt ein Einzelfall. Ansonsten hat das Popstars-Allstar-Quartett nur hoffnungsvolle Kandidaten zu bewerten. Geldeintreiberin Janina, die arbeitsuchende Scarlett, Berufsschüler Alessio, Lagerfeuergitarrist Henrik – sie alle singen sich in den Recall, der direkt im Anschluss entschieden wird.

Ross hat eine schwere Leidensgeschichte

 Hier ist für erstaunlich viele von ihnen Schluss. Dass der schwule Bauerssohn Andi gehen muss, überrascht genauso wie der Abgang des smarten Ex-Boyband-Mitglieds Alessandro – nicht nur, weil ihre Leistung passabel war, sondern auch, weil sie als Typen gut in die Dramaturgie einer Castingshow gepasst hätten.

Aber wer braucht schon Typen, wenn die Jury voll von ihnen ist. Lucy, von D! zur „Stimmexpertin“ geadelt, will diesem neuen Titel gerecht werden, indem sie ganz besonders kritisch schaut. Senna pflegt ihr Image als sympathische Prolltussi mit Herz.

Und Ross hat ständig Wasser in den Augen, vor allem, weil er in jedem zweiten Kandidaten sich selbst erkennt, der es nun mal nie leicht hatte, in diesem schweren Business, wie er dann tränenerstickt sagt. „Ich musste durch Scheiße gehen, um hierhin zu kommen, wo ich jetzt bin“, bringt er seine Leidensgeschichte auf den Punkt. Bleibt die Frage: Wo ist er denn jetzt?

Danke an welt-online.de für diesen sehr geilen Artikel

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1 Kommentar auf "Popstars 2012 – Diesmal leiden nur die Zuschauer."

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[…] Herren, was war das denn bitte? Zuerst musste ich Popstars ertragen, und dann kam da ganz unvermittelt und aus der Hüfte geschissen dieses neue Format um die […]

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